Ein ägyptischer Albtraum

Die zwei Wochen in Ägypten sollten für Thomas und Ramona Grönewäller die schönsten des Jahres werden. Am Ende sind sie nichts als ein Albtraum für das Ehepaar aus Hamm und die Familien zu Hause. Und zwar einer, den Thomas Grönewäller um ein Haar mit dem Leben bezahlt hätte – wäre nicht ein kleines Wunder geschehen.

VON SANDRA GELSCHLÄGER
Hurghada/Hamm -  Das Ehepaar verbringt gerade Urlaubstag Nummer vier in einem Hotel etwas außerhalb von Hurghada. Thomas Grönewäller geht vom Pool ins Hotelzimmer. Kurz zur Toilette, wie seine Frau Ramona zunächst denkt. Als er nach einiger Zeit nicht zurück ist, folgt sie ihm. Er öffnet erst nach mehrmaligem, lauten Klopfen. Dann bricht er zusammen – und der Albtraum beginnt.
Zwei Stunden vergehen, ehe der 57-jährige Thomas Grönewäller mit dem Krankenwagen in einem Krankenhaus in Hurghada ankommt, „und eine weitere, bis medizinische Maßnahmen ergriffen wurden“, sagt Michael Grönewäller. Er steht von Beginn an in engem Kontakt mit seiner Schwägerin Ramona Grönewäller. Schnell wird klar, dass sie als „Frau in Ägypten, noch dazu ohne Englisch zu sprechen, in der Klinik praktisch nichts ausrichten kann.“ Sie sei gezwungen worden, Dinge zu unterschreiben, die sie nicht verstanden habe. „Dabei ging es immer und immer ums Geld.“
Schnell ist klar: Thomas Grönewäller hat einen Schlaganfall erlitten. Zudem droht ein Hirnaneurysma zu reißen: In seinem Kopf tickt eine Zeitbombe. Eine Operation ist nach Aussage der Klinik unumgänglich – die Ärzte nennen Kosten, die in die Zehntausende gehen. „Zunächst dachten wir ja noch, dass Thomas eine Auslandsreisekrankenversicherung hat“, sagt Michael Grönewäller. Doch irgendwann merken seine Frau und die Verwandten in Deutschland – Thomas hat sechs Geschwister-, dass das nicht der Fall ist. Die gesetzliche Krankenversicherung greift nicht, sie übernimmt keinen Cent, solange der Patient nicht in Deutschland ist.
Die Familie setzt alle Hebel in Bewegung, „Wir haben einen Tag lang telefoniert, um Hilfe zu bekommen“, sagt Michael Grönewäller. Vergeblich. Zwei Tage nach dem Schlaganfall seines Bruders fasst Michael Grönewäller den Entschluss, nach Hurghada zu fliegen.
Ramona Grönewäller waren in der Zwischenzeit nur Kurzbesuche bei ihrem Mann im Krankenhaus gestattet. Welche medizinischen Maßnahmen ergriffen wurden, ist unklar. Bei seiner Ankunft in Ägypten versucht Grönewäller, Kontakt zur Außenstelle der Deutschen Botschaft aufzunehmen – ohne Erfolg. Das Deutsche Konsulat in Hurghada ist „temporarily closed“ – vorübergehend geschlossen. Kommissar Zufall ist es schließlich zu verdanken, dass über viele, viele Ecken der Kontakt zu einer deutschen Ärztin, die für die Deutsche Botschaft tätig ist, zustände kommt. „Das war ein riesengroßer Glücksfall“, sagt Michael Grönewäller, sichtlich bewegt von den Eindrücken aus dem ägyptischen Krankenhaus.
In Begleitung der Ärztin ist es für die Familie fortan einfacher, an den Patienten heran zu kommen. „Und die Ärzte mussten Bericht erstatten, was sie in der Zwischenzeit unternommen hatten“, sagt der Bruder des Patienten. Das scheint zum Entsetzen der Angehörigen nicht allzu viel gewesen sein. „Die deutsche Ärztin ist zu dem Schluss gekommen, dass Thomas andere Medikamente bekommen und anders gelagert werden soll.“ Anweisungen, die die „Ärzte dort ignoriert haben – während wir aber immer wieder zur Kasse gebeten wurden“.
Zu diesem Zeitpunkt sind fünf Tage vergangen. Im Hintergrund läuft in Deutschland eine Spendenaktion an. Die geschätzten Kosten für Behandlung und Rücktransport: 70 000 Euro. Von dem Aufruf bekommen Dr. Karl-Heinz Fuchs aus Steinfurt und seine Frau Wind. Beide sind Mediziner und sitzen auf gepackten Koffern: Sie fliegen nach Hurghada – und bieten ihre Hilfe an. Die nimmt Michael Grönewäller gerne an.
Einen Tag später treffen sich das Ehepaar aus Steinfurt, die deutsche Ärztin und die Grönewällers in der Klinik. Als sie zu dem Patienten kommen, liegt dieser bereits im Koma. „Für mich war zu diesem Zeitpunkt klar, dass er es nicht schaffen wird“, sagt Grönewäller. Anhang aller Befunde sei die Situation „hoffnungslos“ gewesen, bestätigt Fuchs, der Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Steinfurt ist. Nach Beratung mit der Uniklinik Münster und mit Ärzten aus Berlin empfehlen die Mediziner den Angehörigen unisono „Thomas gehen zu lassen“. Ein Rat, den Bruder und Ehefrau beherzigen. Sie verfügen, dass Thomas Grönewäller nur noch palliativmedizinisch betreut wird.
Doch Thomas sollte die Mediziner Lügen strafen. Dabei hätte es seine Familie besser wissen können: „Er war schon immer ein Kämpfer“, sagt Michael Grönewäller.
Für ihn steht am nächsten Tag der Rückflug an, vorher will er sich noch gemeinsam mit Ramona Grönewäller von Thomas verabschieden. Als beide – ohne Begleitung der deutschen Ärzte – nach wieder einmal endlosen Diskussionen zum Patienten vorgedrungen sind, ist Thomas Grönewäller bei Bewusstsein – und spricht. „Er hat gesagt, ,Micky, gut, dass Du da bist, ich habe immer noch Kopfschmerzen hinter dem rechten Auge.‘ Ich dachte, mich trifft der Schlag“, sagt Michael Grönewäller. Auch Fuchs spricht von einer „erstaunlichen Entwicklung“, die rein fachlich unerklärlich sei.
Dann geht alles ganz schnell. Die Grönewällers organisieren einen Krankentransport ins 500 Kilometer entfernte Kairo. Die Fahrt übersteht Thomas Grönewäller, die Aneurysma-Operation der Ärzte in der ägyptischen Hauptstadt, die gleich am Abend stattfindet, läuft nach Plan. Stets an seiner Seite ist seine Frau Ramona, „die Großartiges leistet“, sagt Michael Grönewäller. Ganz gesund wird Thomas Grönewäller wohl nicht mehr werden, „aber er lebt“, sagt sein Bruder.
Wie es nun weiter geht, „sehen wir von Tag zu Tag. Auch, wie wir das finanziert bekommen.“ Alleine in Ägypten waren bisher 29 000 Euro zu zahlen. „Wir kratzen alles Geld zusammen und sind für jeden Cent dankbar“, sagt er. Bis gestern sind gut 11 000 Euro zusammengekommen. „Die Spendenbereitschaft ist überwältigend. Wir sind so dankbar – aber noch lange nicht am Ziel.“
Wann sein Bruder wieder in Hamm sein wird, weiß Michael Grönewäller noch nicht. Wohl aber, dass er sich auf eine Gardinenpredigt wegen der fehlenden Auslandsreisekrankenversicherung einstellen kann. „Eine verbale Watsche, die bekommt er sicher noch. Ohne eine solche Versicherung fährt man einfach nicht in den Urlaub.“

Wer die Familie unterstützen möchte:
www.hilfe-fuer-thomas.de



Quelle: Westfälischer Anzeiger, 18.09.2019